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Der jüdische Kalender

Kalender geben Orientierung, zeigen Wegmarken im Jahresverlauf auf und vermitteln einen immer gleichbleibenden Rhythmus der Zeit.

Für Nichtjuden kann ein jüdischer Kalender zunächst verwirrend sein. Wer versucht, die jüdischen Feiertage auf den weltlichen Kalender zu übertragen, stellt schnell fest, dass sie sich von Jahr zu Jahr verschieben und auf unterschiedliche Wochentage fallen.

Das liegt daran, dass der jüdische Kalender ein Mondkalender ist, und der weltliche Kalender ein Sonnenkalender. Die Monate des jüdischen Kalenders haben 29 oder 30 Tage, während die Monate des weltlichen Kalenders 30 oder 31 Tagen aufweisen. Das jüdische Jahr ist mit seinen 354 Tagen somit um 11 Tage kürzer als ein Jahr des Sonnenkalenders.

Die meisten jüdischen Feiertage haben nicht nur einen religiösen historischen Hintergrund, sondern zusätzlich einen landwirtschaftlichen Bezug, der sie mit einer bestimmten Jahreszeit verbindet. Die jüdischen Feiertage müssen daher in der passenden Jahreszeit stattfinden. Da das jüdische Jahr jedoch kürzer ist, müssen Korrekturen durchgeführt werden, um nicht in der falschen Jahreszeit zu landen. Daher wird von Zeit zu Zeit, nach einem festgelegten Rhythmus, ein Schaltmonat eingeschoben. In den Schaltjahren hat das jüdische Jahr einen Monat mehr als sonst. Somit werden die jüdischen Feiertage von Jahr zu Jahr früher begangen, bevor ein eingeschobener Monat dafür sorgt, dass sie wieder nach hinten rutschen. Dadurch wird sichergestellt, dass die Nähe der Feiertage zu der spezifischen Jahreszeit gewährleistet wird und dass dem Mondkalender treu geblieben wird. Um zu überprüfen auf welche Tage des weltlichen Kalenders die jüdischen Feiertage fallen, wird daher ein jüdischer Kalender benötigt.

Der jüdische Kalender weist eine weitere Besonderheit auf. Jeder Tag des jüdischen Kalenders beginnt nach dem Sonnenuntergang des Vortages, also am Vorabend. Deshalb fängt der Schabbat, der jüdische Ruhetag (Samstag) bereits am Abend vorher (Freitagabend) und nicht am Samstagmorgen an. Hierbei orientiert sich der Abend am Einbruch der Dunkelheit. In unseren Breiten wird es im Winter früher dunkel als im Sommer. Da die kalendarischen Tage dadurch nicht länger oder kürzer werden, rückt das Ende des Festtages ebenfalls entweder auf den späten Nachmittag oder in die Nachtstunden. Diese Praxis geht zurück auf die Schilderung der Schöpfungsgeschichte. In der hebräischen Bibel (Genesis) lautet der wiederkehrende Satz am Ende jedes Schöpfungstages ungefähr: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen – ein Tag.“ Auf Hebräisch: ויהי ערב ויהי בקר יום אחד (Wajhi-‘erew wajhi-boker, jom echad).

An den biblischen Feiertagen und am Schabbat ruhen alle Arbeiten: Es wird kein Feuer entzündet, nicht gekocht, nicht telefoniert und auch nicht ferngesehen – ein Tag der Ruhe und Besinnung.

 

Die Monate des jüdischen Kalenders

Ursprünglich hatten die Monate keine Namen, in der Thora werden sie meist nur durchnummeriert (z. B. „erster Monat“, „siebter Monat“). Während des babylonischen Exils im 6. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Juden die dort gebräuchlichen Monatsnamen und behielten sie nach der Rückkehr bei.

Viele Monatsnamen beziehen sich auf Natur, Jahreszeiten oder alte Gottheiten. Beispiele: Nisan bedeutet „Anfang, Erneuerung“, Tammus ist der Name einer altorientalischen Gottheit, Elul steht für „Ernte“ oder „Reife“.

Die Beibehaltung der Monatsnamen dient der Erinnerung an das Exil, zeigt die historische Entwicklung des jüdischen Volkes und hat sich im Alltag bewährt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beginn des jüdischen Jahres 5786

Die der gregorianische Kalender beginnt mit Christi Geburt (Anno Domini, AD). Die Jahreszählung des jüdischen Jahres richtet sich nach der Schöpfung der Welt, die der jüdischen Überlieferung zufolge im Jahr 3761 vor Christus (v. Chr.) stattgefunden haben soll.

Die jüdische Zeitrechnung beginnt mit der Erschaffung Adams. Seitdem werden die Jahre fortlaufend gezählt, so dass inzwischen 5786 Jahre vergangen sind (2025/2026).

Das jüdische Jahr beginnt im Monat Tischri mit Rosh HaShana, dem Neujahrsfest, das meist zwischen Anfang September und Anfang Oktober liegt. Deshalb erstreckt sich ein jüdisches Jahr in der Regel über zwei gregorianische Jahre (z. B. 2025/2026).

Jüdische Feiertage

Außerhalb Israels werden viele jüdische Feste einen Tag länger gefeiert als im Land selbst. Der Grund dafür liegt in der biblischen Zeit, als es noch keinen festen Kalender gab. Der Beginn eines neuen Monats wurde erst nach der tatsächlichen Feststellung des Neumonds vom Sanhedrin in Jerusalem festgelegt. Der Sanhedrin bestand aus 71 Gelehrten und war das höchste religiöse und rechtliche Gremium des jüdischen Volkes. Er entschied über religiöse Gesetze, den Kalender und wichtige rechtliche Fragen. Die Beschlüsse des Sanhedrin wurden zunächst mithilfe von Signalfeuern, später vor allem durch Boten und teilweise auch durch Briefe an andere jüdische Gemeinden weitergegeben. In weit entfernten Regionen traf diese Information jedoch häufig zu spät ein. Dadurch wussten viele Gemeinden nicht rechtzeitig, welcher Tag der korrekte Feiertag war. Um keinen Festtag zu versäumen, feierte man die Feste daher vorsichtshalber an zwei Tagen. Obwohl seit dem 4. Jahrhundert ein fester jüdischer Kalender existiert, blieb dieser zweite Feiertag als verbindlicher Brauch bestehen. Dies betrifft die Feste Pessach (acht statt sieben Tage), Schawuot (zwei statt einem Tag) und Sukkot (acht statt sieben Tage). Rosch Haschana wird überall an zwei Tagen gefeiert.

Wichtige jüdische Feiertage

Jüdische Feiertage beginnen bereits am Vorabend (Sonnenuntergang).

Tu Bischwat - das Neujahrsfest der Bäume

Es handelt sich um einen nichtbiblischen Halbfeiertag, dessen Ursprung im Gebot aus dem 3. Buch Mose liegt: Die Früchte neu gepflanzter Bäume sollen zunächst drei Jahre lang nicht verzehrt werden, erst im fünften Jahr dürfen sie gegessen werden. In talmudischer Zeit wurde der 15. Schwat (Tu Bischwat bedeutet wörtlich „der 15. Tag, Tu des Monats Schwat“) als Stichtag für die Jahreszählung und die Fruchtabgabe festgelegt, da er das Ende der Regenzeit und den Beginn der besten Pflanzperiode in Israel markiert.

Heute ist Tu Bischwat besonders in Israel ein fröhlicher Feiertag: Kinder, Jugendliche und Erwachsene pflanzen im ganzen Land neue Setzlinge und bringen so die Natur zum Blühen. Auch außerhalb Israels wird gefeiert, mit Früchten, die an das Land Israel erinnern, und mit Ritualen, die den Bäumen Ehre erweisen und die Verbundenheit zur Natur stärken.

Purim - Purim erinnert an die Rettung der persischen Juden

Purim ist ein fröhlicher Gedenktag, dessen Feier nicht biblisch vorgeschrieben ist. Er wird am 14. Adar (bzw. in Schaltjahren auf Adar II) begangen und erinnert an die Rettung der Juden im persischen Reich. Laut dem Buch Esther wollte der mächtige Minister Haman alle Juden vernichten und überzeugte den König, ein entsprechendes Edikt zu erlassen. Doch Esther, die jüdische Ehefrau des Königs, handelte klug und mutig: Durch ihre Diplomatie konnte Haman gestürzt werden, und die Juden erhielten die Erlaubnis, sich gegen ihre Feinde zu wehren. Auf diese Weise triumphierte das Volk über seine Widersacher, ein Sieg, der bis heute gefeiert wird. Bevor Esther zum König ging, fastete sie drei Tage lang, ebenso die jüdischen Bewohner von Susa. Dieser Tag wird bis heute als „Fasten Esther“ begangen.

In der Synagoge wird das Buch Esther vorgelesen, und die Freude über die Rettung wird bei Festmahlen, gegenseitigen Geschenken und Spenden an die Armen ausgedrückt. Ausgelassenes Trinken gehört dazu. Im Buch Esther selbst wird das Festmahl als ausgelassenes Trinkgelage beschrieben.

Purim ist ein Fest voller bunter Bräuche, die von Region zu Region unterschiedlich gefeiert werden. Kinder verkleiden sich fantasievoll und Purimspiele bringen die Geschichte Esthers oder andere biblische Erzählungen auf die Bühne. Auch kulinarisch hat Purim viel zu bieten. Besonders verbreitet sind Hamantaschen, dreieckiges Gebäck mit Füllungen aus Mohn, Früchten, Rosinen, Mandeln oder süßem Käse, und Kreppchen, gefüllte Nudelteigtaschen, die entweder herzhaft mit Fleisch und Brühe oder süß mit Weißkäse und Sauerkirschen gegessen werden. Beide Leckereien symbolisieren die Ohren des Bösewichts Haman und werden gern als kleine Geschenke weitergegeben.

 

Pessach - Gedenken an die Befreiung aus der Sklaverei und des Auszugs aus Ägypten

Pessach erinnert an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. In der Bibel wird das Fest auch als Fest der Mazzot (Singular: Mazza), der ungesäuerten Brote, bezeichnet. Noch heute wird im Gedenken an dieses Ereignis nur Ungesäuertes (Chamez) gegessen, weil der plötzliche Aufbruch aus Ägypten es nicht gestattete, den Brotteig vor dem Backen säuern zu lassen. Der Name Pessach, „Überschreitung“, leitet sich von dem biblischen Gebot ab, ein Lamm zu opfern, das vor dem Auszug der Israeliten geschlachtet und gegessen wurde. Gott verschonte die Israeliten, als er die Erstgeborenen Ägyptens traf, indem er ihre Häuser übersprang. Deshalb trägt sowohl das Fest als auch das Opferlamm den Namen „Überschreitung“.

Vor Pessach wird die Wohnung gründlich von allen gesäuerten Speisen befreit – ein Ritual, das Reinheit und Vorbereitung symbolisiert. Am Vorabend des 14. Nissan – oder einen Tag früher, wenn dieser auf einen Schabbat fällt – durchsucht der Hausherr das gesamte Haus nach Resten von Gesäuertem, das am folgenden Morgen verbrannt wird. Auch Küchengeräte und Besteck werden sorgfältig gereinigt, ausgeglüht oder ausgekocht, um keine Rückstände zu hinterlassen. Für das Fest selbst wird spezielles Geschirr verwendet, das ausschließlich für Pessach reserviert ist, während das alltägliche Geschirr beiseitegelegt wird.

Das Herzstück von Pessach ist der Sederabend, der das Fest eröffnet. Anders als bei anderen Feiertagen in der Synagoge steht hier ein häusliches Ritual im Mittelpunkt: eine festliche Mahlzeit, die nach einer festen Ordnung abläuft. Nach dem hebräischen Wort für „Ordnung“ heißt diese Zeremonie Seder. Familie und, nach Möglichkeit, auch Gäste versammeln sich gemeinsam um den Tisch, um die Traditionen zu begehen und das Pessachfest zu feiern.

Im Zentrum des Sederabends steht ein Teller mit symbolträchtigen Speisen, die an die Leiden und Hoffnungen der Israeliten in Ägypten erinnern. Drei Mazzot, jeweils in eine Serviette gehüllt oder in einer dreifächerigen Tasche gelegt, bilden die Grundlage. Dazu kommen „Erdfrüchte“ wie Radieschen, Sellerie oder Petersilie, ein Gefäß mit Salzwasser, Bitterkraut wie Meerrettich oder Kopfsalat sowie ein bräunliches Mus aus geriebenen Äpfeln, Mandeln, Zimt und Wein. Ein Knochen mit etwas Fleisch erinnert an das Pessachopfer, das Opferlamm, und ein gekochtes Ei symbolisiert das Wallfahrtsopfer. Der Knochen und das Ei dienen lediglich der Erinnerung und werden nicht gegessen, während die übrigen Speisen während der Zeremonie verzehrt werden. Jede Speise trägt eine besondere Bedeutung: Das Salzwasser, in das die Erdfrüchte getaucht werden, erinnert an die Tränen der Israeliten, das Bitterkraut an ihr schweres Leben in Knechtschaft, das braune Fruchtmus an den Lehm, aus dem sie Ziegel herstellen mussten. Die Mazzot gelten als „Brot der Armen“ und verweisen zugleich auf die Eile des Aufbruchs aus Ägypten.

Die häusliche Feier des Seders orientiert sich an den Gepflogenheiten antiker Gastmahle. Viele der symbolischen Speisen stammen direkt aus diesen alten Ritualen, sodass Tradition und Symbolik hier harmonisch verschmelzen. Den antiken Bräuchen entsprechend sollte man während der Mahlzeit nicht vollständig sitzen, sondern sich eher anlehnen. Beim Seder wird dies umgesetzt, indem die Teilnehmer leicht zurückgelehnt sitzen, während der Hausherr auf einem besonders bequemen, mit Kissen ausgestatteten Sessel Platz nimmt. Getrunken wird Wein: Vier Becher pro Person sind vorgeschrieben, zusätzlich wird ein fünfter Becher auf den Tisch gestellt – für den Propheten Elia, dessen Kommen als Vorbote des Messias erwartet wird.

Zentrales Element des Seders ist das Lesen der Pessach-Haggada („Erzählung“), welche die Geschichte des Auszugs aus Ägypten und die Bedeutung der Speisen erklärt. Die Zeremonie beginnt mit dem Festtags-Kiddusch, dem Segen über den Wein, gefolgt vom Segen über die Erdfrüchte. Petersilie oder Radieschen werden dann in Salzwasser getaucht und gegessen. Den formalen Anlass der Lesung bilden die „vier Fragen“, die das jüngste Kind stellt, um den Sinn des Rituals zu ergründen.

Die Haggada wird dabei immer wieder durch das Abendessen unterbrochen. Das Mahl besteht aus mindestens zwei Gängen. Zunächst werden hartgekochte Eier in Salzwasser serviert – sie symbolisieren Leben, können aber auch an Trauer erinnern, da die Zerstörung des Tempels bedacht wird. Darauf folgt ein Fleischgericht; gebratenes Fleisch wird an diesen Abenden traditionell nicht verwendet, und Hammelfleisch, wie es bei sefardischen Juden üblich ist, kommt in Nord- und Mitteleuropa selten auf den Tisch. Den Abschluss bildet der Afikoman, ein zuvor beiseitegelegtes Stück Mazza. Ein Brauch sieht vor, dass die Kinder es verstecken, und der Hausherr es erst gegen ein kleines Geschenk „erlösen“ kann.

Der zweite Teil des Seders ist lockerer gestaltet, um besonders den Kindern entgegen zu kommen. Lieder werden gesungen, oft gemeinsam im Refrain, und schaffen eine fröhliche, verbindende Atmosphäre. Der Ablauf des Seders bleibt an beiden Abenden im Wesentlichen gleich.

Schawuot - Wochenfest (50 Tage nach Pessach) zur Gabe der zehn Gebote am Sinai

Schawuot, das Wochenfest, wird am 6. und 7. Siwan begangen. Ursprünglich war Schawuot das „Fest der Erstlinge“, das Erntedankfest der Erstlingsfrüchte. Im Jerusalemer Tempel wurden an diesem Tag zwei Weizenbrote aus dem Mehl der neuen Ernte geopfert, und auch andere Früchte der Ernte durften erst ab Schawuot als Opfer dargebracht werden. Noch heute erinnert der Brauch, die Synagogen mit frischem Grün und Blumen zu schmücken, an diese bäuerliche Tradition.

Von noch größerer Bedeutung ist der religiös-historische Aspekt von Schawuot. Nach talmudischer Überlieferung ist dieses Fest die Zeit, in der den Israeliten am Berg Sinai die Zehn Gebote verkündet wurden, das erste theologisch-ethisch begründete Prinzipienwerk der Menschheit. Die Anerkennung dieser Gebote durch das Volk begründet den Bund zwischen Gott und Israel. Die Israeliten wurden erwählt, einen besonderen Auftrag zu erfüllen: die göttlichen Gebote zu leben und sie in der Welt zu verbreiten. Die Vorstellung von der Erwählung Israels bedeutet nicht ein Privileg gegenüber anderen Menschen, sondern eine besondere Verantwortung: als heiliges, Gott verpflichtetes Volk zu handeln und diese Aufgabe ernsthaft zu erfüllen.

 

Tischa beAw, 9. Aw. - jüdischer Trauer- und Fasttag

Tischa beAw, der 9. Tag des jüdischen Monats Aw, einer der traurigsten im jüdischen Kalender. Er steht nicht für ein einzelnes Unglück, sondern für eine Kette von Tragödien, die sich über Jahrhunderte erstrecken und bis heute nachwirken. Er ist der Abschluss einer dreiwöchigen Trauerzeit.

Schon in der biblischen Zeit beginnt diese Kette. Nach dem Auszug aus Ägypten standen die Israeliten kurz davor, das Land Israel zu betreten. Als Kundschafter aus dem Land zurückkehrten und von Gefahren und Übermacht berichteten, verlor das Volk den Mut. In einer Nacht voller Klagen und Angst, die nach jüdischer Überlieferung auf den 9. Aw fiel, zweifelten sie an ihrem Weg. Daraufhin wurde beschlossen, dass diese Generation das Land nicht betreten würde und stattdessen vierzig Jahre in der Wüste bleiben musste.

Im Zentrum von Tischa beAw steht jedoch die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels. Am 9. Aw wurde zunächst der Erste Tempel (586/587 v. Chr.) von den Babyloniern zerstört, Jahrhunderte später fiel am selben Datum auch der Zweite Tempel (70 n. Chr.) den Römern zum Opfer. Mit dem Tempel ging das geistige und religiöse Zentrum des jüdischen Lebens verloren, und Exil sowie Zerstreuung prägten die folgende Geschichte.

Weitere Katastrophen reihten sich an diesem Tag ein. Der Bar-Kochba-Aufstand gegen die Römer wurde niedergeschlagen, die Festung Betar fiel, unzählige Menschen starben. Jerusalem wurde in eine römische Stadt umgewandelt, und der Tempelberg symbolisch umgepflügt, ein Zeichen dafür, dass selbst die Erinnerung ausgelöscht werden sollte.

Auch in späteren Jahrhunderten wurde Tischa beAw zu einem Datum des Schmerzes. Die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 fiel in diese Zeit, ebenso werden Pogrome und Verfolgungen in Europa mit diesem Tag in Verbindung gebracht.

Tischa beAw wird in einer Atmosphäre großer Schlichtheit und Zurückhaltung begangen. Der Tag ist von einem vollständigen Fasten geprägt, das etwa fünfundzwanzig Stunden dauert und in seiner Strenge an Jom Kippur erinnert. Während dieser Zeit verzichtet man auf Essen und Trinken sowie auf körperliche Annehmlichkeiten wie Waschen oder Baden. Auch das Tragen von Lederschuhen und eheliche Beziehungen werden vermieden, um die Trauer bewusst spürbar zu machen.

Viele Menschen sitzen an diesem Tag auf niedrigen Hockern oder direkt auf dem Boden, ein äußeres Zeichen der Niedergeschlagenheit und des Verlustes. In der Synagoge versammelt man sich in gedämpfter Stimmung, um Klagelieder des Propheten Jeremia zu lesen. Diese Texte geben der Zerstörung, dem Schmerz und der Hoffnungslosigkeit Worte und verleihen der Trauer des Tages ihren Ausdruck.

 

Rosch Haschana - jüdisches Neujahrsfest

Rosch Haschana, wörtlich „Kopf des Jahres“, ist das jüdische Neujahrsfest und wird zwei Tage lang gefeiert, am ersten und zweiten Tischri. Trotz seines Namens ist es kein lautes oder ausgelassenes Fest, sondern von Ernst und innerer Sammlung geprägt. In der Bibel wird es nicht ausdrücklich als Neujahr bezeichnet, und auch in den Gebeten steht dieser Gedanke kaum im Vordergrund. Stattdessen wird Rosch Haschana als „Tag der Erinnerung“ oder als „Tag des Posaunenschalls“ bezeichnet.

Im Mittelpunkt des Festes steht die Erinnerung an den Bund zwischen Gott und Israel. Dieser Bund ist nicht nur eine Zusage, sondern auch eine Verpflichtung. Rosch Haschana ruft den Menschen dazu auf, über sein Leben nachzudenken, sein Handeln zu prüfen und Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Es ist ein Tag der Selbstbesinnung, an dem man sich vom Bösen abwenden, bewusst nach dem Guten streben und seinen moralischen Pflichten bewusst werden soll.

Ein zentrales Symbol dieses Tages ist das Blasen des Schofar, eines Widderhorns. Sein durchdringender Klang soll wachrütteln und erinnern. Im Morgengottesdienst wird er nach der Lesung aus der Thora und den Propheten sowie an mehreren Stellen des Zusatzgebetes in festgelegten Tonfolgen geblasen. Nur wenn Rosch Haschana auf einen Schabbat fällt, unterbleibt das Schofarblasen.

Auch das äußere Erscheinungsbild des Festes unterstreicht seine besondere Bedeutung. Viele Synagogen werden feierlich geschmückt, und die Farbe Weiß prägt den Gottesdienst. Der Vorhang vor dem Toraschrein, die Decke auf dem Pult des Vorbeters und oft auch die Kleidung des Vorbeters sind weiß – als Zeichen von Reinheit, Erhabenheit und Neubeginn.

Rosch Haschana wird überall zwei Tage lang gefeiert, selbst in Israel, wo sonst nur ein Festtag üblich ist. Der Gottesdienst verläuft an beiden Tagen im Wesentlichen gleich und bewahrt so den feierlichen Charakter des Festes.

Neben der Feier in der Synagoge spielt auch das Zuhause eine wichtige Rolle. Beim festlichen Mahl wird nach dem Kiddusch und dem Segen über das Brot ein besonderer Segen über Baumfrüchte gesprochen. Traditionell isst man einen Apfel, der in Honig getaucht wird, verbunden mit dem Wunsch, das neue Jahr möge gut und süß werden. Auch das Brot hat an Rosch Haschana eine besondere Form: Statt der üblichen geflochtenen Challa verwendet man runde Weißbrote, die den Kreislauf des Jahres und den Neubeginn symbolisieren.

Mit Rosch Haschana beginnt eine besondere Zeit im jüdischen Jahr: die Zehn Tage der Umkehr und führen bis zu Jom Kippur, dem höchsten und heiligsten Feiertag. In dieser Zeit soll der Mensch sein Handeln überdenken, Fehler erkennen, um Vergebung bitten und den Versuch unternehmen, sein Leben neu auszurichten.

Jom Kippur - Versöhnungstag

Jom Kippur ist der jüdische Buß- und Versöhnungstag und gilt als der wichtigste und heiligste Feiertag des Jahres. Er bildet den Höhepunkt der zehn Tage der Umkehr, die mit Rosch Haschana beginnen. Nach talmudischer Überlieferung wird an diesem Tag das Urteil über den Menschen endgültig besiegelt, das am Neujahrsfest vorbereitet wurde. Jom Kippur ist ein Tag der inneren Einkehr, der Versöhnung und der Hoffnung auf Vergebung – ein Tag der Reue, der Buße und der Umkehr.

Der Versöhnungstag wird als strenger Fastentag begangen. Vom Beginn des Festes am Abend bis zum folgenden Abend sind Essen und Trinken vollständig untersagt. Auch körperliche Annehmlichkeiten treten in den Hintergrund: Körperpflege ist auf das Nötigste beschränkt, lediglich das Benetzen von Händen und Augen mit Wasser ist erlaubt. Am Vorabend entzündet man zu Hause eine Gedenkkerze für verstorbene Angehörige, die vierundzwanzig Stunden brennen soll, und in manchen Gemeinden wird zusätzlich eine Kerze im Eingangsbereich der Synagoge aufgestellt.

Die äußere Gestaltung des Tages unterstreicht seine besondere Würde. Weiß ist die vorherrschende Farbe – der Vorhang vor dem Toraschrein, die Decke des Pults des Vorbeters und die Hüllen der Thorarollen sind weiß, ebenso oft die Kleidung und Kopfbedeckung der Betenden. Weiß symbolisiert Reinheit, Neubeginn und die Hoffnung auf Vergebung.

Der gesamte Tag ist dem Gebet gewidmet. Der Abendgottesdienst beginnt noch vor Einbruch der Dunkelheit und trägt den Namen Kol Nidre, nach den einleitenden Worten eines feierlichen Textes, der erklärt, dass bestimmte Gelübde und Schwüre ihre Gültigkeit verlieren sollen. Über den ganzen Tag hinweg folgen das Morgengebet, das festtägliche Zusatzgebet und das Nachmittagsgebet. Den Abschluss bildet ein besonderes Schlussgebet, das nur an diesem Tag gesprochen wird. Erst nach Einbruch der Nacht folgen das alltägliche Abendgebet und die Hawdala, das Ritual, das das Ende des heiligen Tages markiert und den Übergang zurück in den Alltag symbolisiert.

Nach dem Gottesdienst wird an manchen Orten noch im Freien der Mondsegen gesprochen, der im Monat Tischri oft bis zu diesem Zeitpunkt aufgeschoben wird. Danach wird das Fasten gebrochen, und die erste Mahlzeit nach dem langen Verzicht, das sogenannte „Anbeißen“, wird eingenommen. Obwohl diese Mahlzeit einfach gehalten ist, hat sie dennoch einen festlichen Charakter. Dabei wünscht man sich gegenseitig ein gutes Jahr und eine positive Besiegelung – in der Hoffnung, dass die Gebete und Bitten des Tages angenommen wurden.

Sukkot - Laubhüttenfest

Sukkot, das Laubhüttenfest, gehört zu den drei großen jüdischen Wallfahrtsfesten (Pessach, Schawuot, Sukkot) und erinnert an die Zeit, als die Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten durch die Wüste zogen und in provisorischen Hütten lebten.

Das Fest beginnt am 15. Tischri. Es dauert insgesamt sieben Tage, wobei der achte Tag, das sogenannte Schlussfest (Schemini Azeret), als eigenständiger Feiertag gilt. In der Diaspora wird außerdem ein neunter Tag gefeiert, das Torafreudenfest (Simchat Tora), das den Abschluss der Festzeit bildet.

Sukkot hat eine doppelte Bedeutung: Zum einen ist es ein Erntedankfest, besonders für Obst und Wein, zum anderen erinnert es an die Wanderung der Israeliten durch die Wüste und an das Leben in einfachen Hütten. Diese doppelte Symbolik spiegelt sich auch in den Ritualen wider: Zum einen im Feststrauß, der im Gottesdienst verwendet wird, zum anderen im Gebot, während der Festtage in einer Sukka, einer Laubhütte, zu wohnen.

Der Feststrauß, der sogenannte Lulaw, besteht aus einem Zweig der Dattelpalme, drei Myrtenzweigen, zwei Bachweidenzweigen und einer Zitrusfrucht, dem Etrog, einer speziellen Zitronenart. Zusammen bilden sie ein symbolträchtiges Gebinde, das im Gottesdienst geschwenkt wird.

Die ersten beiden Tage von Sukkot sind volle Feiertage, während die folgenden fünf Tage als Halbfeiertage begangen werden. Der siebte Tag trägt einen besonderen Namen: Hoschana Rabba. Er hat eine eigene religiöse Bedeutung und wird als „Gerichtstag über das Wasser“ verstanden, an dem über den lebenswichtigen Regen entschieden wird, der im Vorderen Orient nur während der Wintermonate fällt.

Ein wesentliches Merkmal des Festes ist das Wohnen in der Sukka. Diese Hütte ist bewusst provisorisch gebaut: Sie darf kein festes Dach haben, sondern wird mit Zweigen, Stroh oder Reisig gedeckt. Dabei muss sie so gestaltet sein, dass im Inneren genügend Schatten entsteht, gleichzeitig aber die Sterne nachts hindurch scheinen. Die Hütten werden möglichst wohnlich eingerichtet und dekoriert. In unseren Breiten wird das Gebot etwas erleichtert: Oft werden lediglich die Mahlzeiten in der Sukka eingenommen, da es im Herbst bereits kühl sein kann.

Schemini Azeret - Schlussfest von Sukkot und Simchat Thora - der 2. Tag des Schlussfestes

Auch am Schlussfest (Schemini Azeret) wird die Laubhütte weiterhin genutzt, während der Feststrauß (Lulaw) nicht mehr zum Einsatz kommt. Besonders kennzeichnend für den Gottesdienst an diesem Tag ist die Seelenfeier zum Gedenken der Verstorbenen, die nach der Thora- und Prophetenlesung stattfindet. Außerdem fügt der Vorbeter im Zusatzgebet ein längeres, poetisches Gebet um Regen ein, das feierlich rezitiert wird. Damit wird symbolisch die Wintersaison eröffnet, und von diesem Tag an wird in jedes Gebet bis zum nächsten Pessachfest die Bitte um Regen eingeschlossen, als Ausdruck der Abhängigkeit von Gottes Fürsorge und der Hoffnung auf fruchtbare Erntezeiten.

Der zweite Tag des Schlussfestes trägt den eigenen Namen Simchat Thora, die „Thorafreude“. An diesem Tag endet der jährliche Zyklus der Thoraabschnitte, und gleichzeitig beginnt er von neuem. Besonders feierlich wird die Thora aus dem Schrank genommen. Alle vorhandenen Thorarollen werden in einer Prozession siebenmal um die Vorlesebühne oder durch den Synagogenraum getragen. In vielen Synagogen wird der Zug von zwei Synagogendienern mit großen brennenden Kerzen angeführt, während die Träger der Thorarollen von Kindern mit bunten Fähnchen begleitet werden. Während oder nach der Zeremonie werden die Kinder oft mit Süßigkeiten beschenkt. In dem leeren Thoraschrein wird während der Umzüge häufig eine brennende Kerze gestellt. Diese Prozessionen finden sowohl nach dem Abendgebet als auch im Morgengottesdienst statt.

Neben der feierlichen Prozession gibt es an Simchat Thora auch besondere Aufrufe zum Thora-Lesen. In manchen Gemeinden wird bereits am Vorabend ein Teil des Thoraabschnittes vorgelesen, wobei möglichst viele Gemeindemitglieder aufgerufen werden. Sogar Jungen, die das dreizehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, werden oft als Gruppe zur Thora gerufen. Der Schluss der Thora, der vom Tod Moses berichtet, und der Beginn des Textes, der die Schöpfung beschreibt, werden hingegen nur im Morgengottesdienst gelesen. Aufgerufen zu werden, diese Abschnitte zu lesen, gilt als besondere Ehre. Der Anfang des Bibeltextes wird zudem am Schabbat nach dem Thorafreudenfest noch einmal im Rahmen des wöchentlichen Wochenabschnittes vorgelesen, während der Schlussabschnitt ausschließlich zu Simchat Thora verlesen wird.

Chanukka – Tempelweihfest

Chanukka erinnert an einen siegreichen Aufstand und ein außergewöhnliches Wunder. Am 25. Kislew beginnt das achttägige Tempelweihfest, eines der freudigen Gedenkfeiern im Judentum, das jedoch nicht zu den biblisch vorgeschriebenen Feiertagen gehört. Es erinnert an den erfolgreichen Aufstand der jüdischen Makkabäer gegen die hellenistische Herrschaft und die Wiederweihe des zuvor geschändeten Tempels in Jerusalem im Jahr 165 v. u. Z.

Das Herz des Festes bildet das Wunder des Öls: In dem entweihten Heiligtum wurde nur ein kleiner Krug mit geweihtem Öl (Olivenöl) gefunden, der eigentlich nur für einen Tag den siebenarmigen Tempelleuchter hätte brennen lassen können. Doch das Öl leuchtete acht Tage lang, bis neues geweihtes Öl bereitstand – ein Zeichen für Hoffnung und göttlichen Beistand, das bis heute gefeiert wird.

Zur Erinnerung an dieses Wunder werden jeden Abend Kerzen angezündet, sowohl zu Hause als auch in der Synagoge. Nur am Freitagabend wird das Anzünden etwas vorverlegt, um das Schabbat-Gebot (Verbot bestimmter Arbeiten) einzuhalten. Traditionell wird heute eine Chanukkia verwendet, ein achtarmiger Leuchter mit einer zusätzlichen Dienerkerze (Schamasch). Am ersten Abend brennt nur eine Kerze, am zweiten zwei, und so wächst das Licht von Tag zu Tag, bis am achten Abend alle Kerzen hell leuchten. Die Kerzen werden von rechts nach links aufgestellt, angezündet wird immer zuerst das neu hinzugekommene Licht.

Während die Kerzen brennen, wird die Arbeit, soweit möglich, unterbrochen – die Zeit gehört dem Licht, der Familie und der Freude. Kinder, aber auch Erwachsene spielen begeistert mit dem Dreidel (hebräisch Sevivon), einem vierseitigen Kreisel mit hebräischen Buchstaben (נ ג ה ש), deren Abkürzungen auf das Wunder hinweisen. Nes gadol haja scham – „Ein großes Wunder geschah dort“. In Israel ist der letzte Buchstabe anders. Dort steht auf dem Dreidel: נ ג ה פ. Das פ steht für po („hier“), Nes gadol haja po - „Ein großes Wunder geschah hier“. Oft werden kleine Süßigkeiten oder Nüsse als Gewinn verteilt.

Auch das Essen trägt die Erinnerung an das Öl in sich: goldbraune Latkes (Kartoffelpuffer) und süße Sufganiot (gefüllte Krapfen) werden gebacken und gemeinsam verzehrt.

Zusätzliche Feiertage in Israel

Staatliche Feiertage

Wenn man von den staatlichen Feiertagen Israels spricht, prägen vor allem drei nationale Gedenk- und Feiertage das öffentliche Leben im ganzen Land:

Jom HaSchoa - Holocaust-Gedenktag

Jom HaShoah ist der israelische Gedenktag für die etwa sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust sowie für diejenigen, die während der nationalsozialistischen Verfolgung Widerstand leisteten. Der Gedenktag wird nach dem jüdischen Kalender am 27. Nissan begangen und fällt gewöhnlich in den April oder Mai. In Israel hat er einen besonders hohen Stellenwert im öffentlichen Leben. Am Morgen ertönt landesweit eine Sirene, während der für zwei Minuten das öffentliche Leben nahezu zum Stillstand kommt: Menschen unterbrechen ihre Arbeit, Autofahrer steigen aus ihren Fahrzeugen aus, und viele verharren schweigend zum Gedenken an die Opfer.

Zentrale Gedenkveranstaltungen finden in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem statt. Dort werden die Namen von Holocaustopfern verlesen, Überlebende berichten von ihren Erfahrungen, und Vertreter des Staates legen Kränze nieder. Auch Schulen, Universitäten, Gemeinden und jüdische Organisationen weltweit veranstalten an diesem Tag Gedenkfeiern, Bildungsprogramme und Zeremonien.

Dieser besondere Tag wurde 1951 vom israelischen Parlament, der Knesset, eingeführt. Der Tag dient nicht nur dem Erinnern an die Verbrechen des Holocaust, sondern auch der Bewahrung des historischen Bewusstseins, der Würdigung der Überlebenden und der Mahnung, Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung entgegenzutreten.

Jom HaZikaron - Gedenktag für die Gefallenen Israels und die Opfer von Terroranschlägen

Jom HaZikaron ist der israelische Gedenktag für die gefallenen Soldatinnen und Soldaten der israelischen Streitkräfte sowie für die Opfer von Terroranschlägen. Er wird jährlich am 4. Ijar des jüdischen Kalenders begangen und geht unmittelbar dem israelischen Unabhängigkeitstag, Jom HaAtzmaut, voraus.

An diesem Tag erinnert Israel an die Menschen, die ihr Leben für die Verteidigung des Staates verloren haben, sowie an Zivilisten, die durch Gewalt und Terror ums Leben kamen. Das öffentliche Leben steht ganz im Zeichen des Gedenkens. Bereits am Vorabend und erneut am nächsten Morgen ertönen landesweit Sirenen. Während dieser Minuten kommt das Leben im ganzen Land zum Stillstand: Menschen unterbrechen ihre Arbeit, Fußgänger bleiben stehen, und selbst auf den Straßen halten Fahrzeuge an, während die Insassen schweigend der Verstorbenen gedenken.

Zentrale Gedenkfeiern finden auf Militärfriedhöfen und an nationalen Erinnerungsorten statt. Familien besuchen die Gräber ihrer Angehörigen, während staatliche Zeremonien den Gefallenen und Opfern gewidmet sind. Auch Schulen, Medien und öffentliche Einrichtungen beteiligen sich mit Gedenkveranstaltungen und Erinnerungsprogrammen.

Die besondere Bedeutung von Jom HaZikaron liegt auch in seiner unmittelbaren Verbindung zum Unabhängigkeitstag. Der Übergang von Trauer zu Feier verdeutlicht, dass die staatliche Unabhängigkeit Israels eng mit den Opfern verbunden ist, die für ihre Bewahrung und Verteidigung gebracht wurden. So bildet der Gedenktag einen Moment des gemeinsamen Innehaltens und Erinnerns, bevor das Land am folgenden Abend seine Unabhängigkeit feiert.

 

Jom Ha'azmaut - Unabhängigkeitstag

Jom HaAtzmautist der israelische Unabhängigkeitstag. Er erinnert an die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948, als David Ben-Gurion die Unabhängigkeitserklärung verkündete.Der Feiertag wird jährlich am 5. Ijar des jüdischen Kalenders begangen und folgt unmittelbar auf Jom HaZikaron, den israelischen Gedenktag für Gefallene und Terroropfer.

Im ganzen Land finden Feiern, Konzerte und öffentliche Veranstaltungen statt.

Diese Tage werden in ganz Israel offiziell begangen und haben einen spürbaren Einfluss auf das öffentliche Leben – etwa durch staatliche Gedenkzeremonien, Sirenen, geschlossene Geschäfte, schulfreie Tage oder besondere Rundfunkprogramme. Sie strukturieren den Jahreslauf im öffentlichen Raum und sind fest im staatlichen Kalender verankert. Gleichzeitig werden sie nicht von allen Israelis in gleicher Weise erlebt oder gleich stark emotional und kulturell getragen. Je nach religiösem Hintergrund, kultureller Zugehörigkeit und politischer Perspektive unterscheiden sich Bedeutung und Wahrnehmung teils deutlich. Während sie für viele jüdische Israelis zentrale nationale oder religiöse Bezugspunkte darstellen, haben sie für säkulare, religiöse oder arabische Bevölkerungsgruppen teilweise eine andere oder geringere identitätsstiftende Bedeutung. Dadurch entsteht ein sehr vielfältiges Bild: dieselben Tage sind zwar offiziell für alle präsent, werden aber gesellschaftlich unterschiedlich interpretiert und begangen.

Ultraorthodoxe Feiertage

Neben den offiziellen Staats- und Gedenktagen Israels hat in ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaften vor allem religiöse Fest- und Gedenktage eine besondere Bedeutung. Dazu zählt insbesondere Lag BaOmer.

Lag BaOmer

Lag BaOmer wird am 33. Tag der Omer-Zeit zwischen Pessach und Schawuot gefeiert. Der Tag erinnert nach jüdischer Tradition an das Ende einer verheerenden Seuche unter den Schülern von Rabbi Akiva und ist zugleich eng mit dem Gedenken an Rabbi Schimon bar Jochai verbunden, dem die mystische Lehre der Kabbala zugeschrieben wird. Besonders bekannt sind die großen Pilgerfahrten zu seinem Grab in Meron, in Galiläa im Norden Israels, unweit der Stadt Safed. Dort kommen Hunderttausende Gläubige zusammen, entzünden Freudenfeuer und feiern mit Gesang und Tanz.

Purim wird in vielen ultraorthodoxen Gemeinden ebenfalls besonders festlich und öffentlich begangen. Darüber hinaus spielen die Jahrestage bedeutender Rabbiner, die innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften feierlich gewürdigt werden, eine wichtige Rolle.

Recherchiert und verfasst von Dr. Britta Klevenz

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